Es ist heiß. Bei 35 Grad und einer am Limit arbeitenden Klimaanlage steht unser Bus nun schon seit nunmehr einer Viertelstunde eingeengt in einer kleinen Gasse. Vor und hinter uns mehren sich Autos die weder ausweichen können, noch wollen.
Wir befinden uns im portugiesischen Porto, wo an diesem Wochenende das internationale Red Bull Air Race stattfinden wird. Es haben sich inzwischen 600.000 Besucher für dieses Spektakel eingefunden, und sie sind es auch die unseren Busfahrer vor ein komplexes Problem stellen. Die ins Unesco Weltkulturerbe aufgenommene wunderschöne historische Altstadt Portos kann mit ihren faszinierenden kleinen Gassen den durch 600.000 Besucher entstehenden Verkehr nur schwer verarbeiten. Keine Frage, hier ist ein großes Ereignis im Gange. Nach den vorherigen Stationen des Red Bull Air Race unter anderem in London und Budapest ist Porto die drittletzte Stadt auf der Tournament-Karte.
Das Air Race wurde im Jahre 2001 von Red Bull initiiert um den weltbesten Piloten eine neue Klasse des Kräftemessens zu ermöglichen. Seitdem hat das Event stetig an Größe gewonnen und entwickelt sich mehr und mehr zu einem international Aufsehen erregendem Ereignis. Die letzten Rennen haben immer wieder Besucherrekorde der Superlative aufstellen können, sicher auch weil die Organisatoren bei der immer unterschiedlichen Wahl der Veranstaltungsorte oftmals ein glückliches Händchen bewiesen haben. San Francisco, Rio de Janeiro, London, Berlin, Budapest, San Diego und viele mehr. Immer Städte mit Charakter, Persönlichkeit und einer ganz eindeutigen Note. Und nun also Porto. Der die Stadt durchfließende und trennende Douro-Fluss ist das Markenzeichen, und die von Gustav Eifel entworfene über den Fluss führende Brücke das i-Tüpfelchen dieses Markenzeichens.
Mit lautem Getöse saust die stark modifizierte Edge 540 des amerikanischen Piloten Mike Mangold an uns vorbei. Wir sind inzwischen an der Rennstrecke angekommen und bewundern mit Staunen die Kunstfertigkeit, mit der diese weltbesten Piloten sich durch den filigranen Parkour manövrieren. Über dem Douro-Fluss gelegen müssen die Piloten unter der Brücke her zwischen auf dem Wasser platzierten Pylonen hindurch und schliesslich mit einer Rolle und gleichzeitiger Schraube (der so genannten "Kubanischen Acht") wieder zurück.
Die bei diesen Manövern entstehenden physischen Belastungen sind groß. Fliehkräfte von bis zu +10 wirken auf die Piloten ein, während sie die schwierigen Teile der Strecke meistern. Zum Vergleich, eine Achterbahn hat Fliehkräfte von +4. Die Maschinen fliegen bis zu 400 Km/h und sind oftmals speziell für dieses Rennen modifizierte Kunstflugzeuge. Dabei setzt zur Zeit der Großteil der Piloten auf die amerikanische Edge 540. Mike Mangold hat sein Flugzeug im Lufttunnel über Monate mühselig modifiziert um durch kleine Verbesserungen die Rundenzeiten zu verkürzen - mit Erfolg: Er ist bisher nach Punkten führend.
Während die Piloten immer schneller werdende Rundenzeiten fliegen, und die Menge begeistert das Geschehen verfolgt, können wir es nicht lassen, einen Vergleich mit der Formel 1 zu ziehen.
In einer Welt in der das Mantra einer ganzen Generation als "höher, schneller, weiter" bezeichnet werden kann, mutet das Air Race wie die konsequente Evolution der Formel 1 an. Die Maschinen begrenzen sich nicht mehr auf eine zweidimensionale Strecke, sondern garnieren die Eroberung der Luft als dritte Dimension mit todesmutigen Rollen, Schrauben und Pirouetten. Während in der Formel 1 das Monaco-Rennen inmitten der Stadt aufgrund von Zuschauernähe und Streckenkomplexität als etwas Besonderes gilt, wird im Air Race diese Ausnahme zur Tugend. Die Szenerie wechselt von Stadt zu Stadt, aber der Austragungsort ist fast immer ein zentraler Punkt im oder am Stadtkern.
Aufgrund dessen vermittelt auch der Blick durch die Zuschauerreihen ein mediterranes Flair. Nicht auf riesigen Tribünen, sondern dicht gedrängt am Ufer oder versammelt auf Balkons, Dächern, Straßen und Wiesen verteilen sich die 600.000 Zuschauer um den Parkour herum.
Inzwischen haben die Piloten alle ihre erste Runde hinter sich gebracht. Da, im Gegensatz zur Formel 1, ja kein gleichzeitiger Wettkampf mit waghalsigen Überholmanövern der Piloten stattfindet, existiert ein Ausschlussverfahren, das am Ende über Rundenzeiten den Sieger ermittelt und gleichzeitig für Spannung sorgt: Im Qualifying hat jeder der Piloten zwei Chancen, möglichst niedrige Rundenzeit zu erreichen. Die 12 schnellsten dürfen dann am eigentlichen Rennen teilnehmen. In der folgenden Elimination werden dann die acht Schnellsten und deren Startreihenfolge ermittelt. Das Ranking der Elimination bedeutet gleichzeitig die Startaufstellung für das K.o.-Finale. Der Achte der Elimination tritt im Viertelfinale gegen den Schnellsten an, der Siebte gegen den Zweiten, der Sechste gegen den Dritten, der Fünfte gegen den Vierten. Unmittelbar hintereinander durchfliegen die Kontrahenten den Rundkurs, nur der Schnellere steigt in das Semifinale auf. Und die Gewinner des Semifinales schliesslich kämpfen im Finale um den ersten und zweiten Platz.
Während die Piloten sich auf die zweite Rund vorbereiten, werden die Zuschauer mit einem Special Event abgelenkt: Das Breitling Jet Team, einziges privates Jet-Flugshow Team der Welt. Die sechs L-39C Albatros-Militärtrainer kreisen unter pompöser Musik spektakuläre Stunts vollführend im Tiefflug über der Stadt. Bei einigen der sehr extravaganten Showeinlagen stellt sich dann auch die Frage, aus wie viel Stahl die Nerven dieser Piloten wohl bestehen. Dieselbe Frage, die sich viele Zuschauer auch schon beim betrachten des Air Race über dessen Piloten gefragt haben mögen.
Klaus Schrodt ist einer dieser Piloten. Als derzeit einziger Deutscher Mitstreiter fliegt er zusammen mit dem Niederländer Frank Versteegh für Team Lobo. Er sagt, dass gerade die extremen Auswirkungen der Fliehkräfte nur durch jahrelange Übung in Verbindung mit der richtigen Atemtechnik beherrschbar werden. In der Kubanischen Acht verliert der Pilot auch kurzfristig die Konzentration, weshalb er sich schon im vornherein Gedanken darüber machen muss, welches Lenkmanöver er direkt nach der Rolle ausführt. Fliegen im Dunkeln sozusagen.
Dass die Beherrschung solcher Manöver eine Art Lebensaufgabe ist, zeigen auch die Biographien der Piloten. Michael Goulian flog seine erste Flug-Show mit 17, Steve Jones saß mit 5 Jahren das erste mal im Flugzeug selbst am Steuer und Mike Mangold sammelte über 2500 Flugstunden bei der US Air Force. Die Fähigkeiten zur Meisterung dieser Herausforderungen erlernt man nicht, man erlebt sie.
Klaus Schrodt konnte sich in der Vorrunde leider nicht für das eigentliche Rennen qualifizieren. Seine Extra 300 S ist als betagteres Modell von 1993 den Edge 540 Modellen der meisten anderen Piloten zu unterlegen. Er denkt schon länger über eine Neuanschaffung nach, aber die Schnelllebigkeit der Technik und die hohen Preise im Bereich von 700.000 € halten ihn noch davon ab. Es gibt jedoch Gerüchte, er würde sich im nächsten Jahr die Extra 300 SR zulegen, eine speziell für das Red Bull Air Race entwickelte Maschine, bei deren Planung Schrodt auch die Hand im Spiel hatte.
Für die deutschen Zuschauer sicherlich eine positive Entwicklung, schließlich würde der Sport an Bekanntheit gewinnen, wenn Schrodt als deutsche Identifikationsfigur wieder in den vorderen Rängen um Mangold, Bonhomme und Besenyei mitspielen könnte. Doch unabhängig davon ist mit dem Österreicher Hannes Arch ein weiterer deutschsprachiger Pilot im Rennen. Der erst seit kurzem mitfliegende Arch gilt noch ein wenig als Rookie, wohlgemerkt als Rookie unter den besten Piloten der Welt.
Das Rennen läuft mit viel Spannung weiter. Die hohe Wärme und der geringe Wind sowie der besondere Aufbau der Strecke, sorgen dafür, dass sich die Rundenzeiten der Piloten nur noch in den Millisekundenbereichen unterscheiden. Hier zählt plötzlich jeder Millimeter Handbewegung. Die Maschine rechtzeitig hochziehen, die Kurve eng genug nehmen, die Rolle und Schraube möglichst schnell abwickeln. Diese Spannung wirkt sich auch auf die Zuschauer aus. Gebannt verfolgen diese das Event, Jubeln und fiebern mit. Viele dieser Zuschauer sehen vermutlich das erste mal ein Air Race, und man spürt während des Wanderns durch die Massen, wie sehr es sie fesselt. Ganz ähnlich wie es auch uns erging.
Natürlich ist es für sie ein im doppelten Sinne wichtiges Ereignis. Porto, zweitgrösste Stadt Portugals nach Lissabon, fehlt es etwas an Tourismus. Tourismus, der der Stadt finanziell gut tun würde. Das Problem ist nicht etwa fehlende Schönheit oder fehlende Attraktionen, sondern einfach, dass Porto auf der Agenda vieler Urlauber gar nicht vorhanden ist. Mit dem weltweit im Fernsehen ausgestrahlten Air Race kann sich das natürlich ändern.
Dabei zeigt sich hier eine interessante Gemeinsamkeit zwischen dem Red Bull Air Race und der Stadt Porto. Das erst im Jahre 2001 erdachte Air Race ist selbst noch in der Anfangphase. Noch ist der Bekanntheisgrad deutlich geringer als dies etwa bei der Formel 1 der Fall ist. Die spektakulären Flugmanöver, die begeisterten Massen an Zuschauern und die vielen kleinen Details geben dem Air Race aber das Potenzial gewaltigen Wachstums. Dabei ist es natürlich auch wichtig, dass sich die Piloten zu Identifikationsfiguren entwickeln. So wie das bei dem Ungar Peter Besenyei der Fall ist. Er ist in seiner Heimat berühmt, und das Rennen in Budapest gehört aufgrund der über allem begeisterten Massen mit zu den besten der Saison. Mit zwei deutschsprachigen Piloten besteht eine realistische Chance, dass so etwas auch in Deutschland geschehen könnte.
Der Brite Steve Jones hat inzwischen das Rennen mit einem Abstand von 0.38 Sekunden vor dem US-Amerikaner Mike Mangold gewonnen. Während dies Jones' erster Sieg der Saison ist, kann Mangold mit den Punkten seinen Vorsprung in der Weltrangliste festigen. Er liegt nun mit 41 Punkten auf Platz eins, gefolgt von Paul Bonhomme, der in Porto den dritten Platz belegte, mit 39 Punkten, und Peter Besenyei mit 30 Punkten.
Unser Taxifahrer auf der Rückfahrt ist Feuer und Flame. Ob wir das Air Race und die atemberaubenden Manöver gesehen hätten. Es gäbe ja auch einen deutschen Piloten, der sich leider in der Vorrunde nicht qualifizieren konnte. Der Taxifahrer kennt bereits die Namen der Piloten und die Ergebnisse des Rennens. Während er in gebrochenem Englisch noch weiter vom Rennen schwärmt spürt man, dass auch er vom Fieber gepackt wurde - genau wie wir.
Das Portugal-Rennen wir am Sonntag, den 9. September, um 12.15 auf RTL übertragen.